Textausschnitt 1
(ungekürzt, mit freundlicher
Genehmigung des Autors)
Abendliches Meeresgeflüster
Abend im Hafen.
Einen freien Tisch unweit des Meeres suchen.
Sich setzen, die Stimmung genießen und
heimlicher Beobachter spielen: auslaufende
Fischerboote, an Bord die geflickten Netze
und anderes Angelzeug, ankernde Segelyachten,
fischende Jungen, auf der kurzen Hafenstraße
flanierende Urlauber, flirtende Jugendliche,
lärmende Kinder am kleinen Spielplatz nebenan,
vor ihren Häusern sitzende, schwarz gekleidete
Frauen, emsig strickend oder häkelnd,
nachdenkliche alte Männer, lachende Gäste in
den Tavernen, umherstreunende Hunde und
bettelnde Katzen, unter den Tischen auf so
manchen Leckerbissen wartend.
Kostas, der freundliche Tavernenwirt, schlägt
sich mit der Hand gegen die Stirn.
Das kommt öfters vor.
Wahrscheinlich hat ihm wieder einmal sein
Kurzzeitgedächtnis einen Streich gespielt.
Eine Bestellung vergessen!
Verwirrt läuft er zu einem Tisch, an dem es
sich soeben drei Urlauber gemütlich gemacht
haben, und fragt nach ihren Wünschen.
Wir winken ihm zu, er lächelt nur, deutet mit
der Hand, dass er sofort kommen werde. Schon
ist er in der Küche verschwunden.
Die Jungen am Bootssteg draußen schreien, ein
mickriger Fisch hängt an ihrer improvisierten
Angel, der ihnen, noch während sie ihn
bewundern, vom Haken fällt und mit einem kaum
hörbaren Platschen im dunklen Wasser entkommt.
Vergeblich die Versuche, ihn zu verfolgen!
Bald aber entspannen sich ihre enttäuschten
Gesichter, die Jagd nach neuen Opfern kann
beginnen.
Ein Klirren aus der Küche!
Lautes Fluchen!
Dann taucht Kostas wieder auf. Mit einer
Unschuldsmiene.
Das macht nichts, das bringt Glück, meint er
schulterzuckend.
Nur wenig später stellt er vorsichtig sein
Tablett mit vier Getränken bei uns ab.
Blickt kurz in des Nachbarn Taverne.
Auch dort sind noch viele Tische leer!
Ein kurzes Kopfschütteln, dann geht er ins
Haus zurück.
Die jungen Fischer beenden jetzt ihren
Beutezug. Mit leeren Händen verlassen sie den
wackeligen, teilweise schon zerfallenden
Holzsteg und laufen zum Spielplatz.
Heute zeigt sich das Meer von seiner
angenehmen Seite.
Kein Grollen, kein lautes Rauschen.
Es flüstert nur leise.
Wir schätzen solche Abende sehr.
Mit seinen Gedanken alleine sein.
Ungestört in den eigenen Träumen schwelgen.
Sich erheben, als wäre man schwerelos.
Übers Meer davonschweben.
In andere, weit entfernte Welten.
Oder in die Vergangenheit reisen.
Es lockt, mit Zeit und Raum zu spielen, zu
experimentieren!
Schließlich in sein eigenes Traumreich
gelangen, um dort nach einiger Zeit
festzustellen, dass die geheimsten Wünsche
wieder nicht erfüllbar sind!
Manchmal plagt das Gewissen, man will
begangene Fehler ausbessern, aber vergeblich.
In die Gegenwart zurückgekehrt, bewundere ich
dann meist die glänzenden Sterne des Himmels,
die sich zusammen mit den an den
Tavernendächern baumelnden Lichterketten im
Wasser spiegeln.
Wie ein goldenes Funkeln eines vermeintlichen
Schatzes.
Und nichts als das Flüstern des Meeres um uns.
Ich versuche etwas weiter weg die Finsternis
zu durchdringen, aber man gelangt vor einer
schwarzen Wand an, durch die es kein Hindurch
gibt.
Manchmal sehe ich ein Licht aufblitzen und
weiß, das kann nur ein Fischer sein, der noch
draußen unterwegs ist, er wird seine Netze
ausgelegt haben und bald wieder Richtung Hafen
fahren.
Das Licht erlischt. Dunkelheit!
Ich denke an verschiedene Probleme, die es zu
bewältigen gibt, verwerfe diese sofort wieder,
sie sind eigentlich nicht wichtig.
Und genieße das Flüstern des Meeres.
Heute ankern nur wenige Segelyachten im
kleinen, geschützten Hafenbecken!
In der Einfahrt breitet sich silbrig
schimmernd das Licht des Mondes aus.
Eine Brise kommt auf, ich begleite kleine
Wellen auf ihrem Weg zum Ufer. Ganz nah bei
mir laufen sie mit einem angenehmen Säuseln
aus, haben ihre Kraft verwirkt, nur noch die
leicht schaukelnden Fischerboote der
Einheimischen erinnern daran.
Sanftes Schaukeln in der Nacht.
Als würde man ein Kind behutsam in den Schlaf
wiegen!
Danach Ruhe! Für einige Sekunden ist das
Flüstern verstummt.
Irgendwo bellt ein Hund!
Ich blicke ins Wasser hinein.
Neben dem goldenen Glänzen wirkt es jetzt
unheimlich, es will mir sagen, komm nur her,
ich zeige dir, wie stark ich sein kann!
Kurz schrecke ich davor zurück, doch ich komme
nicht davon los, abermals beginnt mich das
Meer in seinen unwiderstehlichen Bann zu
ziehen.
Ständig suche ich mir neue Ziele im Wasser,
sei es ein dahintreibender kleiner
Gegenstand, ein Stückchen Holz, Seegras oder
auch eine soeben entstandene Welle.
Und wieder flüstert das Meer.
Ich trage dich auf meinen Wellen, wohin du
willst!
Dann und wann nähern sich kleine Fischlein,
schwimmen neugierig bis zu den seichtesten
Stellen, schließlich wenden sie, um in der
Tiefe zu verschwinden.
Die Stärke und Bedrohlichkeit des Meeres wird
mir bewusst, sie hat seit unserem Missgeschick
einen Angstzustand, eine innere Unruhe,
hinterlassen.
Bei jeder Bootsfahrt bleibt Unbehagen mein
Begleiter.
Allgegenwärtig die Gewissheit, das Meer kann
dich jederzeit besiegen, es kann mit dir
spielen, dir Freude bereiten, schöne
Erinnerungen wachrütteln, aber es lässt dich
nicht in Ruhe, um dir ständig seine
Überlegenheit anzudeuten.
Sobald du auf ihm fährst, in ihm schwimmst,
spürst du, jetzt bin ich in deiner Gewalt.
Aber nein, scheint das Meer zu flüstern, du
brauchst keine Angst vor meiner Größe zu
haben. Spüre nur, wie sanft ich mich anfühle!
Halt! Ich lasse mich nicht mehr täuschen!
Die Katastrophen, die du heraufbeschwören
kannst, übersteigen jede Vorstellungskraft. Du
versenkst spielerisch Schiffe, überschwemmst
das Land vieler Menschen, zerstörst ihr
Zuhause, und noch schlimmer, du wirst zum
Massenmörder.
Ich möchte keine Schuldzuweisungen treffen,
weil ich weiß, dass wir Menschen in vielerlei
Dingen zu Mittätern geworden sind und
mittlerweile in einem brüchigen Glashaus
sitzen!
Dieses Symbol des Schrecklichen, des
Unheilvollen, verstärkt sich erst richtig,
wenn man beobachten kann, wie sich aufbauende
Wellen am höchsten Punkt brechen und die
weißen Schaumkronen herniederstürzen, alles
verschlingen wollend, was sich ihnen in den
Weg stellt.
Und keine Macht der Welt kann diese
erdrückenden Meereswogen aufhalten.
Kräfte und Launen der Natur zwingen die
Menschheit wieder einmal in die Knie!
Mit Gewalt muss ich mich von diesen Gedanken
losreißen, mein Blick schweift den Hafen
entlang, meine vorher besorgte und
angsterfüllte Miene entspannt sich, wenn ich
das heute besonders ruhige Wässerchen sehe, in
dem die Boote friedlich dümpeln.
Und das Meer wispert mir zu.
Vergiss deine Angst! Bei mir findest du
Zufriedenheit!
Ich bringe dich weit fort von hier!
Das Tuckern eines Dieselmotors reißt mich
endgültig aus meinen Träumen, der Fischer, der
vorhin noch weit draußen am Meer seine Netze
versorgt hat, passiert soeben die
Hafeneinfahrt, schaltet seine Lichter aus und
strebt zielsicher seinem Platze zu. Seine
Augen haben sich längst daran gewöhnt, in der
Dunkelheit das Notwendigste zu erkennen, nun
stellt er den Motor ab, leise und sachte
gleitet das Boot zwischen zwei anderen Kaikis
hindurch und stoppt zentimetergenau vor einer
kleinen Boje, an der er es festmacht.
Ein Streichholz flackert auf, erhellt kurz
sein stoppelbärtiges Gesicht, dann ist es
wieder finster.
Ein glühender Punkt in dieser sternenklaren
Nacht.
Schon springt der Mann auf die betonierte
Mole, langsam geht er weiter, bis er hinter
einem Haus meinen Blicken entschwindet.
Wo sind jetzt wohl seine Gedanken?
Vielleicht weit draußen bei den Fischen, die
sich seinem Netz nähern?
Welche Probleme lassen ihn unruhig schlafen?
Oder ist er mit sich, seiner Familie und der
Welt zufrieden?
Egal, ich werde keine Antworten finden!
Die Tavernen haben sich geleert, die wenigen
Gäste sind verschwunden, aus einigen offenen
Fenstern dringen noch Stimmen. Ein Dorf begibt
sich zur Ruhe! Das Licht der einzig
funktionierenden Straßenlaterne entlang des
Hafens verwandelt die vom aufkommenden Wind
geschüttelten Bäume neben dem Café in riesige
dämonenhafte Gestalten.
Kostas schaut durchs Küchenfenster heraus,
wenig später erscheint er mit einem Tablett,
darauf stehen Gläser – gefüllt mit Ouzo.
Kommentarlos reicht er sie uns, obwohl wir
nichts bestellt haben, aber so ist er nun
einmal.
Er nimmt sich einen Stuhl herbei und setzt
sich.
Jassas (Prost), sagt er.
Jassas, efcharisto poli (Prost, vielen Dank),
erwidern wir
und trinken ein Schlückchen.
Dann plaudern wir ein bisschen übers Geschäft,
das wieder einmal nicht zufriedenstellend
genug gewesen ist, so wie jeden Tag zuvor.
Die vielen Touristen, die man auf dieser Insel
immer noch erwartet, scheinen nicht zu kommen,
so wie jedes Jahr zuvor.
Es werden Gründe für das Ausbleiben der Gäste
gesucht, so wie immer.
Und schließlich findet man sich damit ab, dass
es besser werden muss.
Es ist nun still geworden!
Fünf Augenpaare blicken aufs nachtschwarze
Meer hinaus.
Ob Kostas wirklich will, dass sich seine
geliebte Insel in eine Touristenhochburg
verwandelt?
Langsam erhebt er sich und verlässt
schleppenden Schrittes unseren Tisch.
Nachdenklich bleiben wir allein mit dem
flüsternden Meer zurück!
Textausschnitt 2
(gekürzt, mit freundlicher
Genehmigung des Autors)
Die Schiffswrackbucht I: Beginn eines
Albtraumes
... auf dem Meer unterwegs – kurz vor der
Schiffswrackbucht
(Zakynthos) ...
Langsam fuhren wir weiter, dabei bemerkten
wir, dass uns jetzt ziemlich hohe Wellen
aushoben und weit die Bucht hineintrugen.
Es schien jedoch in keinster Weise bedrohlich
zu sein.
Eine am Strand sitzende Frau beobachtete unser
Anlegemanöver.
Alles fertig machen zum Anlegen, sagt
Reinhold, wir setzen einen Buganker und fahren
mit dem Heck langsam zum Strand, dann
befestigen wir auch an Land!
Jeder Handgriff muss nun sitzen!
Konzentration ist gefragt!
Ich klettere nach vorne, bereite den Buganker
vor und warte auf Reinholds Kommando.
Ein kurzer Blick zum Boot unserer Freunde sagt
mir, dass sie noch unschlüssig sind, ob und
wie sie anlegen sollen, sie befinden sich gute
zwanzig Meter entfernt.
Jetzt, schreit Reinhold.
Ich werfe den Anker ins Wasser, lasse das Seil
durch die Finger gleiten, blicke dem eisernen,
oft lebensrettenden kleinen Ungetüm nach,
Luftblasen steigen auf, bis ich Widerstand
spüre.
Der Anker hält nun, rufe ich zurück.
Alles scheint nach Plan zu verlaufen, ein
klassisches von uns eingeübtes Anlegemanöver!
Inzwischen bereitet sich Niklas darauf vor, um
an Land zu schwimmen, damit wir später auch
dort das Boot festmachen können.
Stück für Stück bewegt es sich nun mit dem
Heck Richtung Ufer.
Gespannt blicken wir nach hinten!
Niklas springt ins Wasser und schwimmt die
wenig verbleibenden Meter zum Strand.
Geschafft! Fast!
Plötzlich kommt sie!
Riesenhaft türmt sie sich vor uns auf!
Ich blicke nach vor und sehe eine mächtige
Welle, die unser Boot steil aufrichtet.
Dann geschieht es!
Die Ankerleine ist zu kurz, der Anker selbst
hält dem Druck nicht länger stand, das Boot
ist den Mächten des Meeres hilflos
ausgeliefert, wir werden immer weiter zum
Strand gedrückt.
Wir sind plötzlich zum Spielball der Natur
geworden!
Was passiert nur mit uns?
Keine Zeit zu Überlegungen!
Handeln! Ja, handeln!
Wir müssen reagieren, aber wie?
Ein Schwall Wasser bricht über uns herein.
Jetzt kann ich vor uns das zweite Boot sehen,
es befindet sich etwas weiter draußen. Soeben
wird es vom nächsten Wellenberg wie ein
zierliches Spielzeug erfasst, sie haben zum
Glück noch keinen Anker gesetzt und dürften
die Bucht hinausfahren.
Achtung, schreie ich.
Dann werden wir abermals hochgehoben, die
Kraft der sich brechenden Welle ist so
gewaltig, dass das Boot nun beinahe senkrecht
steht, mit dem Bug himmelwärts zeigend.
Wie ein mahnender Zeigefinger hochragend.
Ich werde zurückgeschleudert, das über uns
zusammenstürzende Wasser prallt zugleich mit
mir gegen die Plexiglasscheibe.
Sie zerbirst mit einem lauten Knall!
Weg! Wir müssen weg, schreit Reinhold
verzweifelt.
Auch den Freunden wollen wir mit einer Geste
zu verstehen geben, dass sie die Bucht
hinausfahren sollen, doch diese scheinen uns
nicht mehr zu sehen, sie haben bereits richtig
gehandelt.
Niklas steht unruhig am Strand, er beobachtet
die Vorgänge, kann aber nicht mehr helfend
eingreifen.
Uns läuft die Zeit davon!
Zu spät!
Wir wissen, was die folgenden Sekunden
bedeuten können!
Wir haben den Kampf verloren!
Das tobende Meer bestraft unseren Leichtsinn,
weist uns in unsere Schranken zurück!
Wie wehrlos wir doch eigentlich sind!
Mit Mühe kann ich mich am Geländer noch einmal
festhalten, ich blicke nach vorne und sehe
bereits die dritte Welle, wieder so hoch und
mächtig, auf uns zukommen.
Ein Ungeheuer, das den weiß schäumenden Rachen
weit aufgerissen hat und uns jetzt vollkommen
verschlingen wird!
Ich habe Angst!
Alles geht viel zu schnell!
Das erste Mal, dass ich richtige Angst habe.
Ich kann mich nicht bewegen. Bin wie gelähmt.
Knieend am Bug des Schiffes.
Meine Finger umkrampfen verzweifelt die
Reling.
Mit weit aufgerissenen Augen starre ich dem
Monster in den Rachen.
In diesem Augenblick die unabänderliche
Gewissheit: Wir haben keine Chance mehr, um
das Boot aus dieser gefahrvollen Situation
irgendwie herauszumanövrieren.
Schon hat uns die Welle erreicht! ...
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