Warum gibt es auf Kreta keine Eisenbahn?

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Kreta ist die größte griechische Insel, rund 260 Kilometer lang und eines der wichtigsten Reiseziele im Mittelmeer. Trotzdem gibt es auf der gesamten Insel keinen regulären Personenverkehr auf der Schiene. Keine Eisenbahn verbindet Chania mit Rethymno und Iraklio, es gibt keine S-Bahn und selbst die großen Städte besitzen keine Straßenbahn.Das wirkt im europäischen Vergleich zunächst erstaunlich. Andere große Mittelmeerinseln wie Sizilien, Sardinien, Korsika und Mallorca besitzen Eisenbahnen beziehungsweise Stadtbahnen. Auf Kreta dagegen wird praktisch der gesamte Verkehr über die Straße abgewickelt.

Besonders auffällig ist das an der dicht besiedelten Nordküste. Eine Strecke von Kissamos über Chania, Rethymno und Iraklio nach Agios Nikolaos und vielleicht weiter bis Sitia erscheint auf einer Landkarte durchaus naheliegend. Hier liegen die größten Städte, wichtige Häfen, touristische Zentren und Flughäfen beziehungsweise deren Einzugsgebiete.

Warum wurde eine solche Strecke nie gebaut? Eine einzelne Erklärung gibt es nicht. Entscheidend war vielmehr eine Kombination aus Geschichte, geringer Industrialisierung, relativ kleiner Bevölkerung, schwierigem Gelände, hohen Baukosten und einer Verkehrspolitik, die sich spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg stark auf Straßen, Busse und Autos konzentrierte.

Eisenbahn auf Kreta – kurz zusammengefasst

  • Auf Kreta gibt es heute keinen regulären Personen- oder Güterverkehr auf der Schiene.
  • Historische Planungen für eine kretische Eisenbahn gab es durchaus.
  • In Iraklio existierte von 1922 bis 1937 eine kleine Industriebahn für den Ausbau des Hafens.
  • Kreta war historisch nur wenig industrialisiert – ein wichtiger Anreiz für den frühen Eisenbahnbau fehlte damit.
  • Die gebirgige Landschaft würde den Bau einer modernen Strecke teuer machen.
  • Mit rund 624.000 Einwohnern besitzt Kreta einen vergleichsweise kleinen ganzjährigen Verkehrsmarkt.
  • Heute übernehmen KTEL-Fernbusse einen großen Teil der Aufgaben eines Regionalbahnnetzes.
  • Eine Bahn Chania–Rethymno–Iraklio wurde bereits mehrfach diskutiert, aber nie gebaut.

Kreta ohne Eisenbahn – im europäischen Vergleich ungewöhnlich

Dass eine Insel vom nationalen Eisenbahnnetz abgeschnitten ist, bedeutet keineswegs automatisch, dass sie keine Bahn haben kann.

Auf Sizilien und Sardinien gibt es umfangreiche Eisenbahnnetze. Korsika besitzt trotz seiner ausgesprochen gebirgigen Landschaft ein Schmalspurnetz. Auf Mallorca fahren Züge und eine Metro, außerdem gibt es die bekannte historische Bahn zwischen Palma und Soller.

Deshalb greift eine häufig zu hörende Erklärung zu kurz: Kreta habe keine Eisenbahn, weil es eine Insel oder zu gebirgig sei.

Gebirge machen den Eisenbahnbau teuer, verhindern ihn aber nicht grundsätzlich. Gerade Korsika zeigt das sehr deutlich.

Interessant ist auch der Vergleich mit Zypern. Heute besitzt Zypern ebenfalls keine Eisenbahn mehr. Das war allerdings nicht immer so. Die Cyprus Government Railway wurde 1905 eröffnet und erreichte schließlich eine Länge von rund 122 Kilometern. Der Betrieb endete 1951.

Kreta ist insofern ungewöhnlich, weil sich dort nie ein dauerhaftes öffentliches Eisenbahnnetz entwickelte.

Der wichtigste Grund liegt in der Geschichte

Um zu verstehen, warum Kreta keine Eisenbahn besitzt, muss man in die Zeit zurückgehen, in der Europas große Eisenbahnnetze entstanden.

Die entscheidenden Jahrzehnte des Eisenbahnbaus waren das 19. und frühe 20. Jahrhundert. Damals wurden die Grundlagen der heutigen Netze gelegt.

Eisenbahnen wurden dabei keineswegs nur gebaut, damit Menschen bequem zwischen Städten reisen konnten. Ein wesentlicher wirtschaftlicher Motor war der Güterverkehr.

Kohle, Erz, Holz, landwirtschaftliche Produkte und später Industrieerzeugnisse mussten in großen Mengen zwischen Bergwerken, Fabriken, Städten und Häfen transportiert werden.

Kreta fehlte die große Industrie

Genau hier liegt ein wichtiger Unterschied zwischen Kreta und vielen europäischen Regionen, die schon früh ein dichtes Eisenbahnnetz erhielten.

Kreta war traditionell landwirtschaftlich geprägt. Olivenöl, Wein, Viehzucht, Käse, Obst und andere landwirtschaftliche Produkte spielten eine wichtige Rolle. Große Bergbau- und Industrieregionen entstanden dagegen nicht.

Damit fehlte ein wichtiger wirtschaftlicher Grund, enorme Summen in Eisenbahninfrastruktur zu investieren.

Ein Zug hätte natürlich Menschen und landwirtschaftliche Produkte transportieren können. Das mögliche Frachtaufkommen war aber wesentlich geringer als beispielsweise in einem europäischen Kohle- oder Industrierevier.

Das ist aus unserer Sicht einer der wichtigsten Gründe, warum Kreta den entscheidenden Zeitpunkt für den Aufbau eines Eisenbahnnetzes verpasste.

Als Europa Eisenbahnen baute, hatte Kreta andere Probleme

Hinzu kommt die komplizierte politische Geschichte der Insel.

Kreta gehörte während eines großen Teils des 19. Jahrhunderts zum Osmanischen Reich. Es folgten Aufstände, politische Unsicherheit und schließlich der autonome Kretische Staat. Erst 1913 wurde Kreta offiziell Teil Griechenlands.

Gerade in den Jahrzehnten, in denen in anderen Teilen Europas große Eisenbahnnetze entstanden, waren die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen auf Kreta deshalb schwierig.

Als die Insel schließlich vollständig zum griechischen Staat gehörte, hatten Straßenfahrzeuge bereits begonnen, die Verkehrsplanung grundlegend zu verändern.

Pläne für eine Eisenbahn auf Kreta gab es trotzdem

Die Idee einer kretischen Eisenbahn ist keineswegs neu. Bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden verschiedene Überlegungen und Projekte diskutiert.

Auch später verschwand das Thema nie vollständig. Besonders eine Verbindung der drei großen Städte Chania, Rethymno und Iraklio wurde immer wieder vorgeschlagen.

2011 erreichte das Thema sogar das Europäische Parlament. In einer parlamentarischen Anfrage wurde auf Forderungen von Bürgerinitiativen, politischen Gruppen und anderen Institutionen nach einer Eisenbahn auf Kreta hingewiesen. Konkret genannt wurde eine Verbindung zwischen Chania, Rethymno und Iraklio sowie eine Anbindung des Flughafens von Iraklio.

Aus konkreten politischen Diskussionen entstand bislang allerdings kein Bauprojekt.

Ganz ohne Eisenbahn war Kreta nicht

Eine interessante historische Ausnahme gab es in Iraklio.

Dort existierte tatsächlich eine kleine Eisenbahn. Sie diente allerdings nicht dem normalen Personenverkehr.

Die Strecke verband den Hafen von Iraklio mit einem Steinbruch beim heutigen Xiropotamos beziehungsweise Estavromenos. Sie wurde benötigt, um Material für den Ausbau des neuen Hafens zu transportieren.

Historische Quellen dokumentieren den Betrieb dieser Bahn zwischen 1922 und 1937. Auf alten Fotografien ist die Bahnstrecke am Hafen von Iraklio sogar zu erkennen.

Schon gewusst?

Kreta hatte tatsächlich einmal eine Eisenbahn. Die kleine Industriebahn von Iraklio transportierte Material für den Ausbau des Hafens. Eine öffentliche Personenbahn für die Einwohner der Insel war sie allerdings nicht.

Warum wurde später keine Eisenbahn gebaut?

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderten sich die Voraussetzungen für neue Eisenbahnstrecken grundlegend.

Autos, Lastwagen und Busse wurden immer wichtiger. Straßen konnten schrittweise ausgebaut werden und erschlossen auch kleine Dörfer, ohne dass eine eigene Schienentrasse notwendig war.

Für eine relativ dünn besiedelte Insel war dieses System zunächst attraktiv. Ein Bus kann eine vorhandene Straße benutzen und seine Route vergleichsweise einfach verändern. Eine Eisenbahn benötigt dagegen Gleise, Bahnhöfe, Brücken, Tunnel, Signalanlagen und langfristige Wartung.

Damit entstand ein Kreislauf: Kreta investierte in Straßen, dadurch wurde der Straßenverkehr leistungsfähiger und der politische Druck für eine Eisenbahn blieb gering.

Nur rund 620.000 Einwohner auf der gesamten Insel

Auch die Einwohnerzahl spielt eine Rolle. Nach der griechischen Volkszählung von 2021 leben auf Kreta dauerhaft 620.408 Menschen.

Das ist für eine Insel beachtlich, für den Aufbau eines mehrere hundert Kilometer langen neuen Eisenbahnnetzes aber keine besonders große Bevölkerung.

Hinzu kommt, dass sich die Einwohner sehr ungleich verteilen. Der Großraum Iraklio dominiert deutlich. Allein die Gemeinde Iraklio hatte bei der Volkszählung 2021 rund 179.000 Einwohner. Danach folgen Chania und Rethymno. Viele Gemeinden im Süden und in den Bergen sind wesentlich kleiner.

Genau deshalb wäre eine Eisenbahn entlang der Nordküste wesentlich plausibler als ein flächendeckendes Bahnnetz über die gesamte Insel.

Warum eine Nordküstenbahn sinnvoll erscheinen würde

Schaut man nur auf die Landkarte, drängt sich eine Strecke geradezu auf:

Kissamos – Chania – Rethymno – Iraklio – Agios Nikolaos – Sitia.

Entlang dieser Achse befinden sich die wichtigsten Städte, große Teile der Bevölkerung, zahlreiche Ferienorte, Häfen und wichtige touristische Ziele.

Eine realistischere erste Ausbaustufe wäre wahrscheinlich kürzer:

Chania – Rethymno – Iraklio.

Genau diese drei Städte standen auch bei früheren politischen Vorschlägen im Mittelpunkt. Die 2011 im Europäischen Parlament eingereichte Anfrage bezog sich ausdrücklich auf eine Bahnverbindung dieser drei größten Städte. :contentReference[oaicite:5]{index=5}

Warum ist eine Bahn auf Kreta trotzdem teuer?

Eine Linie auf einer Karte zu zeichnen ist einfach. Eine Eisenbahntrasse durch Nordkreta zu bauen, wäre etwas völlig anderes.

Die Küste ist keineswegs durchgehend flach. Berge reichen teilweise weit an das Meer heran. Dazwischen liegen Täler, Schluchten, dicht bebaute Gebiete und touristische Orte.

Eine moderne Bahn benötigt zudem wesentlich größere Kurvenradien und geringere Steigungen als eine normale Straße.

Für eine schnelle Strecke wären deshalb voraussichtlich zahlreiche Kunstbauten notwendig:

  • Tunnel durch Berge und Hügel,
  • Brücken und Viadukte über Täler,
  • Unter- oder Überführungen an Straßen,
  • aufwendige Zufahrten in die Städte,
  • Grundstückskäufe und Enteignungen,
  • Bahnhöfe und technische Anlagen.

Gerade eine Neubaustrecke für höhere Geschwindigkeiten könnte deshalb mehrere Milliarden Euro kosten.

Das eigentliche Problem beginnt vor den großen Städten

Aus unserer Erfahrung ist Stau auf Kreta besonders bei der Ein- und Ausfahrt der drei großen Städte Chania, Rethymno und Iraklio ein Problem.

Die geografische Lage trägt dazu bei. Alle drei Städte liegen direkt am Meer. Auf einer Seite begrenzt die Küste den verfügbaren Raum, während sich Straßen, Wohngebiete und Zufahrten auf der Landseite konzentrieren.

Der Verkehr wird dadurch auf vergleichsweise wenige Achsen gebündelt.

Gerade im Sommer kommen Einwohner, Lieferverkehr, Mietwagen, Reisebusse und andere Fahrzeuge zusammen.

Der Fernbus steht im selben Stau wie das Auto

Das ist gleichzeitig eine Schwäche des heutigen öffentlichen Verkehrs.

Ein KTEL-Bus benötigt keine eigene teure Infrastruktur. Dafür benutzt er dieselben Straßen wie alle anderen Fahrzeuge.

Entsteht bei der Einfahrt nach Chania oder Iraklio ein Stau, steht auch der Fernbus darin.

Eine Bahn auf eigener Trasse hätte genau hier einen großen Vorteil. Sie könnte unabhängig vom Straßenverkehr bis zu einem zentral gelegenen Bahnhof fahren.

Allerdings entsteht ein interessantes Paradox: Genau in den dicht bebauten Bereichen, in denen eine Bahn besonders nützlich wäre, wäre ihr nachträglicher Bau besonders schwierig und teuer.

Warum gibt es in Iraklio keine Straßenbahn oder S-Bahn?

Noch erstaunlicher als das fehlende Inselbahnnetz finden wir, dass auch die größeren Städte keinen Schienenverkehr besitzen.

Besonders Iraklio wäre aufgrund seiner Größe ein denkbarer Kandidat für eine Stadt- oder Regionalbahn. Denkbare Ziele wären das Zentrum, der Hafen, größere Wohngebiete, Universität und touristisch geprägte Küstenorte.

Hinzu kommt der neue internationale Flughafen bei Kastelli. Eine leistungsfähige öffentliche Verkehrsverbindung zwischen Flughafen und Großraum Iraklio wird dadurch langfristig noch wichtiger.

Bislang setzt Kreta allerdings auch beim Nahverkehr fast vollständig auf Busse.

Ähnliches gilt für Chania. Eine Stadtbahn könnte theoretisch das Zentrum mit größeren Wohngebieten, touristischen Küstenorten und Verkehrsknotenpunkten verbinden. Konkrete Bauprojekte für ein solches System gibt es derzeit jedoch nicht.

KTEL-Busse ersetzen auf Kreta teilweise die Regionalbahn

Man sollte dabei nicht den Eindruck erwecken, Kreta hätte ohne Eisenbahn keinen brauchbaren öffentlichen Fernverkehr.

Die KTEL-Fernbusse übernehmen auf den wichtigsten Strecken praktisch die Aufgabe einer Regionalbahn.

Zwischen den großen Städten gibt es relativ häufige Verbindungen. Auf Hauptstrecken kann der Takt tagsüber teilweise ungefähr einer stündlichen Verbindung entsprechen, wobei Fahrpläne je nach Saison und Wochentag variieren.

Ein weiterer Vorteil sind die Busbahnhöfe. In Chania, Rethymno und Iraklio liegen die zentralen Stationen relativ günstig für Besucher der Städte.

Für einen normalen Urlauber mit einem Koffer funktioniert das System deshalb erstaunlich gut.

Wo der Bus gegenüber der Bahn Nachteile hat

Trotzdem kann ein Bus eine Eisenbahn nicht in jeder Hinsicht ersetzen.

Ein Zug besitzt eine wesentlich größere Kapazität. Besonders bei starkem Verkehrsaufkommen können viele Fahrgäste gleichzeitig befördert werden.

Auch bei der Mitnahme größerer Gegenstände bietet die Bahn grundsätzlich Vorteile. Fahrräder und umfangreiches Gepäck lassen sich in dafür ausgestatteten Zügen wesentlich einfacher transportieren als in einem normalen Reisebus.

Hinzu kommt der Güterverkehr. Eine Eisenbahn könnte theoretisch auch Häfen, Logistikzentren und Gewerbegebiete miteinander verbinden.

Ob auf Kreta heute genügend Güteraufkommen vorhanden wäre, um allein damit eine Bahn wirtschaftlich zu rechtfertigen, ist allerdings eine andere Frage.

Eine Bahn könnte den Autoverkehr reduzieren

Der vielleicht wichtigste heutige Grund für eine Eisenbahn wäre nicht mehr die Industrie, sondern der Straßenverkehr.

Kreta ist stark vom Auto abhängig. Für viele Einwohner ist das eigene Fahrzeug praktisch unverzichtbar. Hinzu kommen während der Saison sehr viele Mietwagen.

Eine attraktive Bahn könnte zumindest auf der Nordküstenachse einen Teil der Fahrten übernehmen.

Vor allem Verbindungen zwischen den großen Städten wären dafür geeignet. Wer beispielsweise von Rethymno nach Iraklio fahren möchte, benötigt am Ziel nicht zwangsläufig ein Auto.

Eine Bahn würde den privaten Autoverkehr natürlich nicht ersetzen. Für abgelegene Strände, Bergdörfer und große Teile Südkretas bliebe das Auto weiterhin wesentlich flexibler.

Sie könnte aber eine zusätzliche Alternative schaffen.

Warum wird jetzt zuerst die neue Autobahn gebaut?

Derzeit konzentriert sich eines der größten Infrastrukturprojekte Kretas auf die Straße: der Ausbau beziehungsweise Neubau des BOAK, des nördlichen Straßenkorridors der Insel.

Im Januar 2026 ging das zentrale Teilstück Chania–Iraklio mit der Umsetzung des Konzessionsvertrags in eine neue Phase. Die Region Kreta bezeichnet den BOAK als ihr größtes Entwicklungsprojekt.

Dass diese Straßenverbindung zunächst Priorität besitzt, ist nachvollziehbar. Sie wird von praktisch allen Verkehrsarten benötigt: privaten Autos, Bussen, Lastwagen, Rettungsdiensten und Lieferverkehr.

Eine Eisenbahn könnte eine Autobahn deshalb nicht ersetzen.

Interessanter wird die Frage, was nach Fertigstellung der wichtigsten BOAK-Abschnitte geschieht. Langfristig könnte dann erneut diskutiert werden, ob die Nordküste zusätzlich eine leistungsfähige Schienenverbindung benötigt.

Wird Kreta irgendwann eine Eisenbahn bekommen?

Das lässt sich derzeit nicht seriös vorhersagen.

Die Idee wird seit Jahrzehnten immer wieder diskutiert. Forderungen nach einer Bahn zwischen Chania, Rethymno und Iraklio haben es sogar bis ins Europäische Parlament geschafft. Ein konkretes, finanziertes Bauprojekt ist daraus bislang nicht entstanden.

Die Voraussetzungen verändern sich allerdings.

Tourismus, Einwohnerverkehr und Straßenverkehr haben gegenüber dem 19. Jahrhundert völlig andere Dimensionen erreicht. Gleichzeitig gewinnen klimafreundliche Verkehrssysteme in Europa an Bedeutung.

Auch der neue Flughafen Kastelli verändert die Verkehrsströme im Raum Iraklio.

Ob diese Faktoren irgendwann ausreichen, die enormen Baukosten einer neuen Eisenbahn zu rechtfertigen, bleibt offen.

Unsere Meinung

Eine Bahnverbindung Chania–Rethymno–Iraklio würde gut zur heutigen Nordküste Kretas passen. Noch interessanter wären langfristig Verlängerungen Richtung Kissamos und Agios Nikolaos. Ob eine solche Strecke wirtschaftlich genug wäre, können letztlich aber nur detaillierte Verkehrs- und Kostenstudien beantworten. Dass Kreta bis heute überhaupt keine Personenbahn besitzt, bleibt für uns im europäischen Vergleich ungewöhnlich.

Eine Eisenbahn bis Sitia wäre noch schwieriger

Eine komplette Nordküstenbahn von Kissamos bis Sitia wäre touristisch attraktiv, aber erheblich anspruchsvoller als eine Kernstrecke zwischen den drei großen Städten.

Östlich von Iraklio nimmt die Bevölkerungsdichte ab. Zwar wären Hersonissos, Malia und Agios Nikolaos wichtige Ziele, doch anschließend wird das potenzielle Fahrgastaufkommen Richtung Sitia deutlich kleiner.

Deshalb erscheint eine Strecke Chania–Rethymno–Iraklio als wesentlich naheliegenderer Ausgangspunkt für jede ernsthafte Diskussion.

Spätere Erweiterungen könnten immer noch untersucht werden.

Braucht Kreta überhaupt eine Eisenbahn?

Darauf gibt es keine eindeutige Antwort.

Gegen eine Bahn sprechen vor allem die hohen Baukosten, die schwierige Topografie, die relativ geringe Einwohnerzahl und die verstreute Siedlungsstruktur außerhalb der großen Zentren.

Dafür sprechen die hohe touristische Nachfrage, zunehmender Straßenverkehr, Staus rund um die Städte und die Möglichkeit, die wichtigsten Zentren unabhängig vom Autoverkehr miteinander zu verbinden.

Eine Eisenbahn wäre außerdem komfortabler für Reisende mit Fahrrädern und größerem Gepäck und könnte grundsätzlich wesentlich höhere Fahrgastzahlen pro Verbindung aufnehmen als einzelne Fernbusse.

Die Frage lautet deshalb weniger, ob eine Bahn technisch möglich wäre. Natürlich wäre sie möglich. Entscheidend ist, ob der Nutzen die sehr hohen Bau- und langfristigen Betriebskosten rechtfertigen würde.

Häufige Fragen zur Eisenbahn auf Kreta

Gibt es auf Kreta eine Eisenbahn?

Nein. Auf Kreta gibt es derzeit keinen regulären Personen- oder Güterverkehr mit der Eisenbahn.

Gab es früher eine Eisenbahn auf Kreta?

Eine öffentliche Personenbahn gab es nicht. In Iraklio existierte jedoch von 1922 bis 1937 eine kleine Industriebahn. Sie verband den Hafen mit einem Steinbruch und diente dem Ausbau des Hafens. :contentReference[oaicite:8]{index=8}

Warum hat Kreta keine Eisenbahn?

Es gibt nicht einen einzigen Grund. Entscheidend waren unter anderem die geringe Industrialisierung während der entscheidenden Epoche des Eisenbahnbaus, die politische Geschichte der Insel, eine relativ kleine Bevölkerung, schwieriges Gelände und hohe Baukosten. Später konzentrierte sich die Verkehrspolitik zunehmend auf Straßen, Busse und Autos.

Ist Kreta zu gebirgig für eine Bahn?

Nein. Eine Eisenbahn wäre technisch möglich. Das Gebirge würde den Bau allerdings erheblich verteuern, weil Tunnel, Brücken und aufwendige Trassen notwendig wären. Andere gebirgige Inseln wie Korsika zeigen, dass Eisenbahnen auf solchen Inseln grundsätzlich möglich sind.

Gibt es einen Zug von Chania nach Rethymno?

Nein. Zwischen Chania und Rethymno verkehren Fernbusse. Eine Eisenbahn gibt es nicht.

Gibt es einen Zug von Rethymno nach Iraklio?

Nein. Auch auf dieser wichtigen Verbindung erfolgt der öffentliche Verkehr mit Bussen.

Gibt es einen Zug vom Flughafen Chania?

Nein. Der Flughafen Chania besitzt keinen Bahnanschluss. Die Weiterfahrt erfolgt mit Bus, Taxi, Transfer oder Mietwagen.

Gibt es in Iraklio eine Straßenbahn?

Nein. Iraklio besitzt weder Straßenbahn noch U-Bahn oder S-Bahn. Der öffentliche Nahverkehr wird mit Bussen abgewickelt.

Ist eine Eisenbahn auf Kreta geplant?

Über eine Bahn wurde mehrfach diskutiert und es gab verschiedene Vorschläge. Besonders eine Verbindung Chania–Rethymno–Iraklio wurde wiederholt thematisiert. Stand 2026 gibt es jedoch kein mit dem BOAK vergleichbares, finanziertes Eisenbahn-Großprojekt, das sich bereits in Umsetzung befindet.

Wie kommt man ohne Auto von Chania nach Iraklio?

Die wichtigste öffentliche Alternative sind die KTEL-Fernbusse. Sie verbinden die großen Städte der Nordküste regelmäßig miteinander.

Warum baut Kreta stattdessen eine Autobahn?

Der BOAK dient wesentlich mehr Verkehrsarten als eine Personenbahn. Neben Autos und Bussen nutzen ihn Lastwagen, Lieferverkehr und Rettungsdienste. Der Ausbau der wichtigsten Straßenverbindung der Insel besitzt deshalb derzeit Priorität. Das zentrale Konzessionsprojekt Chania–Iraklio befindet sich seit 2026 in der Umsetzungsphase.

Fazit: Eine Bahn würde zu Kreta passen – gebaut wurde sie nie

Dass Kreta heute keine Eisenbahn besitzt, lässt sich vor allem historisch erklären. Als im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Europa die großen Bahnnetze entstanden, fehlten auf Kreta mehrere Voraussetzungen, die andernorts den Eisenbahnbau vorantrieben.

Vor allem gab es keine große Industrie und keinen umfangreichen Bergbau, die enorme Gütermengen auf die Schiene gebracht hätten. Gleichzeitig war die politische Situation lange kompliziert, die Bevölkerung relativ klein und das Gelände schwierig.

Später setzte sich der Straßenverkehr durch. Busse und Lastwagen konnten vorhandene Straßen benutzen und auch kleine Orte erreichen. Damit wurde ein völlig neues Eisenbahnnetz immer schwieriger wirtschaftlich zu rechtfertigen.

Heute sieht die Situation teilweise anders aus. Die Nordküste ist stark entwickelt, Kreta hat rund 624.000 Einwohner und während der Saison kommen sehr viele Urlauber hinzu. Chania, Rethymno und Iraklio erzeugen erhebliche Verkehrsströme.

Die KTEL-Fernbusse funktionieren auf den Hauptstrecken nach unserer Erfahrung recht gut und übernehmen teilweise die Funktion einer Regionalbahn. Ihre entscheidende Schwäche bleibt jedoch: Sie benutzen dieselben Straßen wie Autos und stehen bei der Einfahrt in die großen Städte im selben Stau.

Eine moderne Bahn Chania–Rethymno–Iraklio auf eigener Trasse hätte deshalb durchaus Vorteile. Sie könnte später theoretisch Richtung Kissamos und Agios Nikolaos erweitert werden. Auch Stadt- oder Regionalbahnen für Chania und insbesondere Iraklio wären interessante langfristige Optionen.

Vorerst bleibt Kreta jedoch eine große europäische Insel ohne Personenbahn. Wer ohne Auto unterwegs ist, muss weiterhin den Bus nehmen – und wer am Busfenster einmal wieder im Stau vor Iraklio steht, wird sich die Frage nach einer kretischen Eisenbahn vermutlich noch einmal stellen.